
Vor einigen Wochen erhielten wir eine Nachricht, die für große Freude in der SVE-Schwimmabteilung sorgte. Eines unserer ehemaligen Schwimmkinder hat ein vierjähriges Stipendium in den USA erhalten. Wie es dazu kam, wie die Schwimmkarriere begann und wie sich durch den Schwimmsport letztlich das ganze Leben veränderte, erzählt uns Caprice Ayana Schlüter im nachfolgenden Gespräch:
Marlis:
Liebe Caprice, als Anna Hettfleisch mir von deinem vierjährigen Stipendium in den USA erzählte, habe ich mich sehr für dich gefreut. Ich war sofort „Feuer und Flamme“ als Anna mit der Idee zu diesem Interview auf mich zukam. Mir ist bewusst, dass du einen sehr engen Zeitplan hast. Umso mehr möchte ich dir danken, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst.
Caprice:
Ich freue mich, euch erzählen zu dürfen, wie ich mir meinen Traum erarbeitet habe und somit erfüllen kann.

Marlis:
Wie bist du überhaupt zum SVE gekommen?
Caprice:
Zunächst habe ich mit 4 ½ Jahren mein Seepferdchen bei einem unabhängigen Schwimmlehrer im Hamburger Freibad Poseidon absolviert. Da es mir sehr viel Spaß gemacht hat, haben meine Eltern sich nach einer weiterführenden Möglichkeit zum Schwimmen umgesehen und ich ging im Alter von fünf Jahren zum SVE.
Marlis:
Wie ging es dann weiter?
Caprice:
Ich durchlief dort verschiedene Trainingsgruppen der Schwimmschule, zunächst im Lehrschwimmbecken in der Lohkampstraße. Meine Trainerinnen hießen unter anderem Anna Hettfleisch und Ulla Thiele. Nach Abschluss dieser Zeit wechselte ich dann in die Schwimmhalle in der Elbgaustraße.
Parallel dazu turnte ich auch noch in der Leistungsturn-Gruppe beim SVE, musste mich jedoch irgendwann zwischen beiden Sportarten entscheiden. Der Trainingsaufwand für beide Sportarten stieg mit zunehmendem Alter immer weiter an. Da meine Eltern beide sehr groß sind, war es klar, dass ich ebenso eine Körperlänge über 1,80 m erreichen würde. Dieses passt nicht zum Leistungsturnen, wo man klein und wendig sein sollte. Schlussendlich blieb ich dem Schwimmen treu und trainierte mit großem Ehrgeiz weiter.


Marlis:
Wie und wann kam es zum Wechsel zum Olympia-Stützpunkt (OSP)?
Caprice:
Im zweiten Anlauf wurde ich in die Sichtungsgruppe des OSP aufgenommen. Damals besuchte ich die vierte Klasse und war zehn Jahre alt.
Durch die Aufnahme in die TG 4 (erste Trainingsgruppe) des OSP veränderte sich mein Leben komplett. Ab dem fünften Schuljahr wechselte ich auf die Eliteschule des Sports, Alter Teichweg.
Der Grund hierfür war, dass ich mein Schwimmtraining am OSP und meine schulische Laufbahn mit dem Leistungssport optimal verbinden konnte. Bereits in diesem Alter absolvierte ich wöchentlich schon acht Wassereinheiten und drei Landeinheiten im Gymnastikraum.
Marlis:
Das muss ja eine riesige Umstellung für dich gewesen sein. Oder? Wie ging es dir damit?
Caprice:
Ja, das war eine große Umstellung. Ich wohne nicht am OSP und habe somit morgens und abends jeweils einen Fahrtweg von über einer Stunde zu bewältigen. Der Fahrtweg und das frühe Aufstehen waren eine Herausforderung. Ich brauchte eine Eingewöhnungszeit an die neue Schule und das viele Training, welches sich drastisch erhöhte mit Eintritt in die neue Schule.
Meine Trainingspartner waren alle in meiner Sportlerklasse, so dass wir alles zusammen meistern konnten. Die allergrößte Herausforderung war es mit 10 Jahren täglich 12 Stunden von zu Hause weg zu sein.
Marlis:
Wie sieht dein Alltag am OSP aus?
Caprice:
Mein Tag beginnt schon sehr früh. Um 5:30 Uhr stehe ich auf und nach der Morgenroutine fahre ich mit dem Fahrrad zur S-Bahn Krupunder. Von dort geht’s mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof, dort steige ich in die U1 um und fahre bis zur Haltestelle Alter Teichweg.
Marlis:
Wie geht’s dann weiter?

Caprice:
Dort beginnt mein Tag mit dem Morgentraining um 7:30 Uhr. Nach zwanzig Minuten Aufwärmtraining springen wir ins Wasser und trainieren bis 9:30 Uhr. Ab 10:00 Uhr beginnt der Schulunterricht und endet um 16:00 Uhr.
Am Nachmittag folgt die zweite Trainingseinheit. Meistens stehen dann zwei Stunden Wassertraining und eine Stunde Krafttraining auf dem Programm.
Insgesamt absolviere ich neun Wasser- und drei Krafteinheiten pro Woche.

Marlis:
Wann bis du abends wieder zu Hause in Rellingen und hast du am Wochenende mal frei?
Caprice:
Wir trainieren auch am Samstag. Das ist für mich besonders herausfordernd. Während alle noch schlafen, bin ich schon wieder auf den Beinen, um pünktlich um 7:30 Uhr am Training teilzunehmen.
Hinzu kommen noch viele Wettkämpfe am Wochenende, die meinen Zeitplan natürlich noch voller machen.
In der Woche bin ich nach Trainingsende gegen 20.30 Uhr zu Hause.
Marlis:
Hast du überhaupt noch freie Zeit für dich alleine? Falls ja, welche Hobbys hast du außer dem Schwimmen noch?
Caprice:
Zeit für andere Hobbys bleibt nur sehr wenig. Wenn es mein Trainings- und Schulalltag zulässt, verbringe ich gerne Zeit mit meinen Freunden.
Gelegentlich arbeite ich sonntags als Servicekraft im VIP-Bereich des HSV-Stadions. Das macht mir Spaß und bringt ein wenig Abwechslung in meinen strikten Alltag.

Marlis:
Wie kam es zu dem Stipendium in den USA?
Caprice:
Schon früh habe ich davon geträumt, in die USA zu gehen. Durch begeisterte Erfahrungsberichte älterer Schwimmer mit Stipendium, war für mich eindeutig klar, dass ich das auch möchte. Was gibt es Besseres, als meinen Sport mit einem Studium zu verbinden. Und das dann auch noch in den USA, alles auf einem Campus.
Vor zwei Jahren begann ich mit meiner Bewerbung für ein College-Stipendium, absolvierte diverse Aufnahmetests und konnte mich durch meine sportlichen und akademischen Leistungen für ein Vollstipendium qualifizieren.
Zusätzlich erhielt ich weitere Angebote von verschiedenen Universitäten, so dass ich mir am Ende meine Wunsch-Universität sogar aussuchen konnte.
Marlis:
Welches Studium absolvierst du und an welcher Universität?
Caprice:
Ich studiere „Communication“ an der University of Indianapolis und freue mich darauf, viele neue Kontakte zu knüpfen. Natürlich möchte ich auch meine Englischkenntnisse weiter verbessern und mir dadurch gute berufliche Perspektiven schaffen.
Marlis:
Welche beruflichen Perspektiven ermöglicht dir denn dein Studium?
Caprice:
Mein Studium eröffnet mir verschiedene Möglichkeiten – sei es im Bereich Medien, Sportmanagement oder PR. Ich bin gespannt, wohin mich mein Weg führen wird.
Marlis:
Es ist schon sehr erstaunlich, dass du gleich für vier Jahre ein Stipendium bekommen hast. Wie kam es dazu?
Caprice:
Ein Bachelor-Studium in den USA dauert in der Regel vier Jahre, allerdings hat man jederzeit die Möglichkeit abzubrechen und nach Deutschland zurückzukehren.
Mein Stipendium verdanke ich sowohl meinen sportlichen als auch meinen schulischen Leistungen. Die Bewerbungsphase war aufregend, insbesondere die Video-Calls mit den Coaches verschiedener Universitäten. Letztlich konnte ich mir durch die verschiedenen Angebote die beste Option aussuchen.
Das College-Schwimmen hat in den USA einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Besonders spannend finde ich, dass dort Team- und Staffelwettkämpfe eine große Rolle spielen – etwas, was es in dieser Form in Deutschland nicht gibt.

Marlis:
Was waren bisher deine größten Erfolge bei Wettkämpfen?
Caprice:
In den letzten Jahren konnte ich einige sportliche Erfolge feiern. Besonders stolz bin ich auf meine Leistungen bei den Deutschen Jahrgangsmeisterschaften 2023, wo ich über 50 Meter Brust den dritten Platz im Jahrgang 2005 belegte.
Darüber hinaus erreichte ich gute Finalplatzierungen, darunter Platz 4 über 100 Meter Brust.
Bei den Deutschen Meisterschaften im Jahr 2024 konnte ich den ersten Platz im B-Finale über 100 Meter Schmetterling erreichen und stand im offenen Bereich zweimal im Finale. Auch bei den Deutschen Kurzbahnmeisterschaften schwamm ich ins A-Finale sowie auf Platz 1 und 2 im B-Finale. Zudem stand ich jedes Jahr auf dem Podest bei den Norddeutschen Meisterschaften.
Diese Erfolge motivieren mich, weiter hart zu trainieren und mich stetig zu verbessern – sowohl in Deutschland als auch zukünftig in den USA.
Marlis:
Zum Schluss möchte ich dir gerne noch eine persönliche Frage stellen. Was macht dich als Mensch aus bzw. wie würden deine Freunde dich beschreiben?
Caprice:
Meine Freunde würden mich als lebensfroh, ehrgeizig, zielstrebig, kämpferisch, freundlich, liebevoll und hilfsbereit beschreiben. Diese Eigenschaften haben mir geholfen, meinen Weg im Leistungssport zu bestreiten und immer neue Herausforderungen anzunehmen. Ich bin jemand, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt und immer daran arbeitet, sich zu verbessern – sei es im Schwimmen oder im Leben allgemein.
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Marlis:
Liebe Caprice, vielen Dank, dass du uns einen Einblick in dein Sportler-Leben gegeben hast.
Wir – und da spreche ich im Namen der gesamten Schwimmabteilung des SVE – wünschen dir für deinen persönlichen Lebensweg nur das Allerbeste. Mögest du sportlich viele Erfolge verbuchen können und mit deinem Studium gute Voraussetzungen für deine berufliche Zukunft schaffen.
Caprice‘ erste Eindrücke und Erlebnisse in den USA

Im August 2025 trat Caprice dann endlich ihre Reise in die USA an. Bevor der „Ernst des Lebens“ am College begann, bereiste sie mit ihrem Vater Miami, Florida und Chicago. Das alles war schon sehr beeindruckend und aufregend.
Die erste Zeit am College war voller neuer Eindrücke. Während der „Welcome Week“ lernte sie viele neue Menschen kennen. Es gab Spiele, Veranstaltungen und Seminare für den ganzen Abschlussjahrgang. Caprice war froh, dass ihr Vater sie in der ersten College-Woche noch begleitete. Denn die kulturellen Unterschiede sind deutlich spürbar. Von den Straßen bis zu den gigantischen Supermärkten – alles ist dort viel größer als hier in Deutschland.
Auch das Training unterscheidet sich deutlich von dem in Deutschland. Eine Schwimmbahn ist 25 Yard (knapp 23 Meter) lang und damit deutlich kürzer, als bei uns. Dies stellte Caprice zunächst vor neue Herausforderungen, so dass sie nun an ihren Wenden und Unterwasserphasen arbeiten durfte. Das Training ist viel spritziger und anstrengender. In den ersten Tagen war für sie „durchbeißen“ angesagt, weil auch das Krafttraining deutlich mehr von ihr abverlangte.
Nur noch englisch zu sprechen war anfangs auch nicht leicht. Umso dankbarer ist sie dafür, dass sie sechs deutsche Teamkollegen hat.
Das Training ist insgesamt auf einem sehr hohen Niveau. Alle sind richtig gut und Caprice ist sicher, dass sie als Team sehr erfolgreich sein werden. Laut Caprice bestehen gute Chancen, dass ihr Team bei den „Nationals“ unter die Top 3 kommt.
Anfang Oktober 2025 durfte Caprice beim „World Cup in Carmel, Indiana“ zusammen mit echten Top-Stars schwimmen. Es war ein unglaubliches Erlebnis selbst in einem Lauf mit ihnen zu schwimmen.
Fazit: Caprice ist gut in den USA angekommen und hatte einen guten Einstieg am College. Dort wird einfach alles – Training, Essen, Freizeit – gemeinsam gemacht. Man ist nie allein und jeder unterstützt jeden. Gemeinschaft wird dort GROSS geschrieben.